Tödliche Zahlen

Medizinstatistiken

  • Dienstag, 17. Oktober 2006, 21.00 - 21.45 Uhr

Szenenbild aus der Sendung Quarks & Co

Mit Zahlen jonglieren – Beispiel Brustkrebs

Foto: Lesesaal der Universitätsbibliothek mit Regalen voller Bücher

In den Universitätsbibliotheken finden sich mehr fehlerhafte Studien als man denken würde

Jedes Jahr erscheinen rund zwei Millionen Artikel in den rund 10.000 medizinischen Fachzeitschriften. Hier geht es um die Wirksamkeit eines neuen Medikaments, dort um den Heilerfolg einer Behandlungsmethode. Fehler in solchen Studien können verheerende Folgen haben. Und sie sind gar nicht so selten, wie man vielleicht denken würde. So wurde in den 1990er Jahren in diversen Studien untersucht, wie sinnvoll Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung von Brustkrebs sind. Dabei wird bei allen Frauen ab 50 regelmäßig mit Röntgenstrahlen nach Hinweisen auf Brustkrebs gesucht, das so genannte Mammografie-Screening. Eine schwedische Forschergruppe fand heraus, dass durch eine solche Reihenuntersuchung das Brustkrebsrisiko um gut 30 Prozent sinkt. Das ist zwar richtig – wenn man sich allerdings die absoluten Zahlen ansieht, sind die Ergebnisse nicht ganz so eindrücklich:

Foto: Arzt wertet Mammografiebilder aus

Wenn der Arzt in diesen Röntgenbildern Brustkrebs findet, hilft das nur einer Frau von 1000

Drei Frauen von 1000 sterben an Brustkrebs, wenn keine Reihenuntersuchung gemacht wird. Mit der Reihenuntersuchung sind es nur zwei. Das bedeutet: Nur eine Frau von 1000 überlebt, weil sie an der Untersuchung teilgenommen hat. Eindrucksvoller ist natürlich die Risikoberechnung mit 30 Prozent geretteten Patientinnen, obwohl auch die zweite Zahl stimmt – nur eine von tausend profitiert von der Voruntersuchung. Daher beziehen sich Aufklärungsbroschüren und Internetseiten, die das Brustkrebs-Screening propagieren, fast immer auf die 30 Prozent. Auf der anderen Seite aber steht die Belastung mit Röntgenstrahlung, die letztlich ebenfalls Krebs hervorrufen kann. Ein Risiko, das allein die Frauen tragen müssen.

Falsches Studienziel bei Herzrhythmusstörungen

Foto: EKG-Streifen

Manche Fehler in Medizinstatistiken gehen regelrecht ans Herz

Dass ein neues Medikament durch Nachlässigkeiten tödliche Folgen haben kann, zeigt ein Beispiel aus den 1980er Jahren. Der in den 1970er Jahren entwickelte Wirkstoff Flecainid zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen kam nach erfolgreichen Tests auf den Markt. Eine große Studie hatte bewiesen, dass eine bestimmte Art von Rhythmusstörung seltener auftrat, für die das Mittel entwickelt worden war. Ein folgenschwerer Fehler: In den 1980er Jahren stellte sich nämlich heraus, dass Flecainid in einigen Fällen eine ganz andere Art von Rhythmusstörungen überhaupt erst auslöste. Mehrere Patienten starben daran. Von Beginn an hätte man in der Studie eine andere Frage stellen müssen, nämlich die, ob Flecainid bei den Herzpatienten allgemein die Sterblichkeit senken kann. Nur dann wäre aufgefallen, dass das Medikament tödliche Nebenwirkungen hat.

Solche Nachlässigkeiten geschehen in medizinischen Studien häufig. Insbesondere um die Rechenkünste der Mediziner scheint es nicht gut bestellt zu sein. Eine Untersuchung zeigte, dass es in medizinischen Studien von Rechenfehlern nur so wimmelt: Zahlen werden falsch gerundet (aus 0,92 wird so schnell eine 1 statt der 0,90. Oder Ergebnisse werden durch simple Tippfehler um eine ganze Kommastelle verändert (etwa aus 0,0014 wird 0,014).



Nur die Hälfte der Zahlen veröffentlicht

Auf einem Auge blind waren die britischen Forscher, die in den 90er Jahren eine neue Bestrahlungsmethode gegen Kopf-Hals-Tumoren testeten. In den ersten 40 Monaten des Studienverlaufs war die neue Methode tatsächlich besser als die alte. Danach verlor sich der Effekt. Doch die Forscher veröffentlichten nur die Daten, die den Erfolg belegten – kein Einzelfall bei medizinischen Studien. Rund zwei Drittel aller Ergebnisse über Nebenwirkungen werden nur unvollständig veröffentlicht. Und nicht immer scheint Nachlässigkeit der Grund für die Fehler zu sein: 80 Prozent der industriefinanzierten Studien kommen zu positiven Ergebnissen, was die Wirksamkeit neuer Medikamente oder Verfahren angeht. Bei den unabhängigen Studien sind es nur 50 Prozent.

Nebenwirkungen verschwiegen

Foto: Ärzte und Patient im Bestrahlungsraum

Ob eine neue Bestrahlungsmethode wirklich besser ist, kann man nur beurteilen, wenn man die gesamten Studienergebnisse kennt

Auch im Fall Vioxx, dem wohl größten Medikamenten-Skandal der letzten Jahre, sind die Forscher nicht über jeden Verdacht erhaben. Vioxx wurde 1999 als "Super-Aspirin" mit einem ungeheuren Werbeaufwand eingeführt. 2005, nur sechs Jahre später, nahm Hersteller Merck das Mittel freiwillig wieder vom Markt. Grund waren die Ergebnisse einer internen Studie, die ein erhöhtes Risiko für Gefäßerkrankungen zeigte. In diesen Tests stieg nach 18 Monaten das Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko in der Vioxx-Gruppe an, nicht aber bei den Probanden, die ein Plazebo geschluckt hatten. Neu schien dieser Effekt der Firma Merck aber nicht zu sein: Bereits in einer Studie aus dem Jahr 2000, also direkt nachdem Vioxx in den Handel kam, war diese gefährliche Nebenwirkung aufgefallen. Doch die Mediziner, die die Studie durchgeführt hatten, verschwiegen sie. Drei Herzinfarkte seien nicht in der Publikation der Fachzeitschrift berücksichtigt worden, obwohl sie den Autoren bekannt gewesen seien. Das sagte später Gregory Curfman, Chefredakteur des New England Journal of Medicine, einer anerkannten Medizinzeitschrift, die ebenfalls die Vioxx-Studie veröffentlicht hatte. Außerdem seien noch zwei Tage vor Einreichen der Arbeit wichtige Daten zu den Nebenwirkungen von einer Diskette gelöscht worden. Die Firma Merck sieht sich nun einer Flut von Klagen der geschädigten Patienten ausgesetzt.

Der Phantasie freien Lauf lassen – der Fall Sudbø

Man kann es allerdings noch bunter treiben. Anfang 2006 ist ein norwegischer Forscher aufgeflogen. Er hatte alle seine 1000 Studienteilnehmer frei erfunden. Aufgefallen ist er nur, weil 250 seiner fiktiven Probanden dasselbe Geburtsdatum hatten…

: Katrin Krieft


Stand: 22.10.2006, 11:04 Uhr


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Plazebo
Ein Plazebo ist ein wirkungsloses Medikament. Es wird zur Überprüfung von Behandlungen eingesetzt, um die spezielle Wirkung eines Medikamentes von unspezifischen Effekten einer Behandlung zu trennen.

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