Die schlechtesten Grafiken der Welt
- Dienstag, 17. Oktober 2006, 21.00 - 21.45 Uhr
Unten sind einige Grafiken dargestellt, wie sie täglich in Zeitungen, Zeitschriften und anderen Medien zu finden sind. Wir haben die Darstellungen jeweils so angepasst, dass sie die echten Größenverhältnisse repräsentieren.
Hausmüll
Im Jahr 2002 veröffentlichte der "Spiegel" einen Bericht über Müllverbrennungsanlagen. Deutsche Haushalte würden jedes Jahr deutlich weniger Hausmüll produzieren, hieß es dort. Illustriert wurde die These mit einer beeindruckenden Grafik: ein steiler Anstieg zwischen 1996 und 1997, dann aber ein starker Rückgang. Seit 1997 jedes Jahr deutlich weniger Müllverbrauch.
Doch die Zahlen an den Punkten sprechen eine andere Sprache. Von Rückgang sprechen sie zwar, doch ist der alles andere als deutlich. Der Leser vermutet bei dieser Darstellung die "Null" am unteren Rand. Dementsprechend wäre der Abstand der Punkte von der Nulllinie ein Maß für die Menge des Mülls, und das Verhältnis der Abstände zeigt, ob die Müllproduktion "stark" gesunken ist oder nur "ein bisschen". Eine maßstabsgetreue Darstellung der Müllmenge sähe wie nebenstehende Grafik aus.
Von "steilem Anstieg" und "starkem Rückgang" kann hier keine Rede mehr sein. Eher sehen solche Werte aus wie übliche statistische Schwankungen. Und das sind sie übrigens auch: das Hausmüllaufkommen für die Jahre 1999 und 2000 war nur geschätzt.
Quelle: Dr. Nicolas Bissantz: So lügt man mit Grafiken, Nürnberg 2002, http://www.bissantz.de/pub/Luegen_mit_Statistiken.pdf
Geschäftsbericht
Einen erfreulichen Geschäftsverlauf wollte die "psd-Bank Rhein-Ruhr" in ihrem Geschäftsbericht 2004 darstellen. Rapide aufwärts muss es mit der Bilanzsumme gegangen sein, wenn man sich die dazugehörige Grafik ansieht. Als "Ausdruck der positiven Entwicklung der Bank" stehen dort vier Säulen; jede deutlich größer als die links daneben stehende.
Doch ein näheres Hinsehen zeigt: Wachstum ja, aber kaum so drastisch, wie die Bank es wohl gerne hätte. Die Grafik ist geschummelt: Horizontale Linien in gleichem Abstand spiegeln eine lineare Skala vor: doppelt so hohe Säulen würden für eine doppelt so hohe Bilanzsumme stehen. Aber weit gefehlt: Die Linien unter der 2.000 haben jeweils einen Abstand von 500 Einheiten, aber darüber geht es nur im Hunderter-Abstand weiter. Auf den ersten Blick fällt das kaum auf. Das Wachstum wirkt dadurch beträchtlich.
Weniger beeindruckend wirken die Zahlen, wenn man sie maßstabsgerecht einträgt. Der Werteabstand muss natürlich bei allen horizontalen Linien gleich sein, nämlich jeweils 500 Einheiten. Und so sieht das Ergebnis in Wirklichkeit aus (siehe nebenstehende Grafik).
Mit freundlichem Dank an Prof. Dr. Walter Krämer, Institut für Wirtschafts- und Sozialstatistik, Universität Dortmund
Aufwärtstrend
"Die deutsche Messewirtschaft hat sich leicht erholt" schreibt der Focus zu einer Grafik, auf der drei Säulen nebeneinander gen Himmel streben. Für den flüchtigen Beobachter ist klar: hier geht es aufwärts. Vom dunklen Schwarz über ein neutrales Blau zum Sonnenscheingelb - die dritte Säule ist gut doppelt so hoch wie die erste.
Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich: die drei Zahlenwerte über den Säulen haben überhaupt nichts miteinander zu tun. Die erste Säule zeigt die "Aussteller in Tausend", die zweite die "vermietete Fläche in Mio. m2", die dritte die "Besucher in Mio." Es gibt also keinen Grund dafür, die Säulen unterschiedlich hoch darzustellen. Was sollte auch ein Vergleich aussagen, der zum Inhalt hat "Die Anzahl der Besucher ist ungefähr eineinhalb mal so groß wie die vermietete Fläche"? Der in der Überschrift angesprochene "Aufwärtstrend" zeigt sich nur in den "Sahnehäubchen" über den Säulen: zwei grüne Pfeile, die aufwärts zeigen, und ein roter nach unten. Sie verdeutlichen die Veränderung gegenüber irgendeinem Zeitpunkt in der Vergangenheit. (Welcher das ist, erschließt sich weder aus der Grafik noch aus dem Begleittext - vermutlich ist das Vorjahr gemeint).
Realistischer - aber auch weniger spektakulär - wird die Darstellung, wenn man für alle Zahlen ein gleiches Niveau in der Vergangenheit zugrunde legt und das entsprechende Wachstum relativ zu diesem Niveau in einer zweiten Säule darstellt. Der grafische Unterschied in der Höhe der Säulen - bei gleichbleibender Breite - stellt dann anschaulich die Veränderung dar. Allerdings sollte man dann doch noch mal über die Überschrift nachdenken: "Aufwärtstrend"?
Quelle: "Focus", Nr. 20/2006, S. 187
Kindergeld
In der Broschüre "Antworten zur agenda 2010" wollte das Finanzministerium unter der rot-grünen Regierung darstellen, wie stark zwischen 1998 und 2002 das Kindergeld erhöht wurde. Kinderwagen in unterschiedlicher Größe symbolisieren den scheinbar enormen Anstieg.
Damit der Anstieg richtig zur Geltung kommt, hat der Grafiker den lästigen Teil unter 100 Euro weggelassen, die Skala geht von 100 bis 160. Genaugenommen müsste die Überschrift statt "Entwicklung des Kindergeldanteils..." also lauten: "Entwicklung des Kindergeldanteils über 100 Euro..." Wollte man die Entwicklung maßstabgerecht darstellen, müsste man zumindest die Skala ändern. Das sähe zunächst wie in nebenstehender Grafik aus.
Aber hier fehlt noch das schöne Bild von den Kinderwagen. Denn wenn man die vergrößert, vergrößert man sie nicht nur in der Höhe, sondern auch in der Breite. Die Veränderung des Kindergeldes spiegelt sich für den Betrachter in der Veränderung des Flächeninhaltes wider. Wenn man davon ausgeht, dass die Fläche des ersten Kinderwagen für 112,48 Euro steht, ergeben sich daraus im Verhältnis die Flächen für 2000 und 2002 wie in nebenstehender Grafik.
Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung: "Antworten zur agenda 2010", (November 2003) S. 45
Klinsmann-Torte
Am 12.3.2006, 3 Monate vor der WM ist die Kampagne der Bild-Zeitung gegen den damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann noch in vollem Gange. Auf der Online-Ausgabe "bild.de" kann man es nachlesen: "Die Sonntags-Frage zur WM". Und es ist kein Wunder, dass Klinsmann schlechte Noten bekommt: "Nur fünf Prozent sind sehr zufrieden mit Klinsmann". Ganz abgesehen davon, dass aber nur 11% "überhaupt nicht" zufrieden sind und der ganze große Rest sich also zu 84% auf "zufrieden", "weniger zufrieden" und "mir egal / weiß nicht" aufteilt, gibt auch die illustrierende Grafik Rätsel auf.
Wenn man die abgegebenen Stimmen zusammenzählt, kommt man erstaunlicherweise nur auf 72%. Denn alle "weiß-nicht"-Antworten hat Bild einfach unter den Tisch fallen lassen. Richtig wäre es wie in nebenstehender Grafik gewesen.
Nachdem "Bildblog.de" darauf aufmerksam gemacht hat, wird die Grafik nicht etwa korrigiert - die neue Version sieht jetzt einfach so aus.
Das ist natürlich Blödsinn, denn der Sinn einer Tortengrafik liegt ja darin, eine räumliche Vorstellung von den unterschiedlichen Anteilen zu vermitteln. Und das geht nur, wenn die ganze Torte 100 % entspricht. Oder, wie "Bildblog" schreibt: "Sinn und Zweck einer Tortengrafik ist es, Teilwerte eines Ganzen wie Kuchenstücke aussehen und dadurch anschaulich werden zu lassen. Und das funktioniert natürlich nur, wenn der Zuckerbäcker nicht irgendwelche Teigklumpen unter den Tisch fallen lässt."
Woher die Grafik ursprünglich stammte, merkte ein aufmerksamer Leser übrigens später. Schon vor dem Länderspiel am 22.3. gegen die USA hatte "Bild.de" gefragt "Gewinnt Deutschland den Test gegen die USA?" Die Überraschung: Bis auf die Zahlen sind die beiden Torten identisch.
Mit freundlichem Dank an Chritoph Schultheis und "Bildblog.de"
: Martin Rosenberg
Stand: 22.10.2006
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