Rückenschmerzen – eine Wohlstandskrankheit?

Unheimliche Vermehrung eines Leidens

  • Dienstag, 20. Juni 2006, 21.00 - 21.45 Uhr

Szenenbild aus der Sendung Quarks & Co

Die unheimliche Vermehrung der Rückenschmerzen

Foto: Rückenpatienten bei Übung

Die Rückenleiden der Deutschen kosten den Staat im Jahr bis zu 22 Mrd. Euro

Jeder dritte Deutsche hat sie regelmäßig - das zumindest sagt die Statistik, denn Rückenschmerzen treten so häufig auf, dass Fachleute sogar von einer Epidemie sprechen. Jedes zweite Schmerzgefühl im Körper kommt vom Rücken.

Auch die Krankschreibungen wegen Rückenschmerzen sind in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen. Bei der AOK sind sie die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Waren 1955 knapp 10 Prozent aller Krankschreibungen durch Rückenschmerzen begründet, lag der Anteil der wegen Rückenleiden krankgeschriebenen Patienten 1990 schon bei fast 60 Prozent. Und so ist das bis heute. Die meisten Frührentner haben es ebenfalls im Rücken. Alles in allem kosten Rückenleiden den Staat pro Jahr 22 Milliarden Euro. Eine enorme finanzielle Belastung für die Gesellschaft also. Schon in den 1980er Jahren diagnostizierten Ärzte fünfmal häufiger Rückenschmerzen als vorher. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern.



Liegt es an den Diagnosemethoden?

Experten vermuten, dass moderne Diagnosemethoden mit schuld sind an der unheimlichen Vermehrung der Rückenschmerzen. Jahrzehntelang haben Orthopäden versucht, dem Rückenleiden mit Röntgenbildern auf die Schliche zu kommen. Aber die waren zunächst noch ziemlich ungenau. Der Patient hatte nur eine vage Vorstellung davon, was da in seinem Rücken stattfand. Dann, in den 1980er Jahren, kam die Revolution bei der Rückendiagnose: Bildgebende Verfahren wie die Computertomographie und die Magnetresonanztomographie. Jetzt konnte man plötzlich nicht mehr nur die Abstände der Knochen sehen wie auf dem Röntgenbild, sondern auch einzelne Muskeln und die Schichten der Bandscheibe. Nicht nur der Arzt, auch der Patient selbst.

Graphik: Anzahl der Arztbesuche

Bekommt ein Rückenpatient sein eigenes Röntgenbild zu Gesicht, kann das die Krankheit tatsächlich verschlimmern

Bei manchen Betroffenen hat die Diagnose mit solchen bildgebenden Verfahren aber negative Konsequenzen, wie folgende Studie zeigt: Englische Forscher haben zwischen November 1995 und Januar 1999 die Wirkung von Röntgenbildern auf Patienten untersucht: 203 Rückenkranke wurden nicht geröntgt, etwa genauso viele (199) wurden mit Röntgenbild diagnostiziert. Von den Nichtgeröntgten gingen in den ersten drei Monaten nach der Untersuchung 60 regelmäßig zum Arzt –also etwa 30 Prozent. Bei den Geröntgten waren es dagegen 106, die den Arzt aufsuchten - mit 53 Prozent also wesentlich häufiger. Außerdem klagten die Geröntgten über stärkere Schmerzen. Vielleicht ist es also kein Zufall, dass der Revolution der bildgebenden Verfahren ein Anstieg der Rückenleiden folgte.

Sind wir alle Hypochonder?

Es gibt einen weiteren Erklärungsversuch für den Anstieg der Rückenschmerzen: Sozialmediziner sprechen vom "sekundären Krankheitsgewinn". Gemeint ist: Krank sein wird dann angenehmer, wenn man davon profitiert – zum Beispiel mit arbeitsfreien Tagen. Die Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Krankheit hat im gesellschaftlichen System eigentlich eine sinnvolle Funktion. Der Staat geht davon aus, dass diese Maßnahme die Genesung fördert. Immer häufiger scheint sich aber ein gegenteiliger Effekt einzustellen:

Graphik: Rückenleiden bei Schwangeren

Eine Studie aus Schweden zeigt, dass Rückenleiden zunehmen, wenn sie vom Gesundheitssystem registriert werden

Bei sozialer Belohnung durch freie Tage dauert die Krankheit bei manchen Patienten länger. Dahinter verbirgt sich sicherlich nicht immer ein bewusstes Ausnützen der Situation. Ärzte vermuten, dass es sich in den meisten Fällen um ein schwer zu greifendes, psychologisches Problem handelt und der Patient tatsächlich reale Schmerzen empfindet. Aber es ist schon absurd: Je mehr Hilfe das Gesundheitssystem den Rückenleidenden anbietet, desto mehr breitet sich die Krankheit aus. Ein Beispiel: In Schweden trat 1978 ein Gesetz in Kraft, nach dem Schwangere sich wegen Rückenschmerzen arbeitsunfähig schreiben lassen konnten. Damals, 1978, klagten von 1524 Schwangeren 152 Frauen, also 10 Prozent, über Rückenprobleme. Acht Jahre nach Einführung des neuen Gesetzes waren es von 1688 Schwangeren 506 Frauen, also 30 Prozent und damit dreimal so viele. Ein Zusammenhang mit der Gesetzesänderung drängt sich auf.

Eine Sache der Einstellung

Graphik: Anzahl Arbeitsunfähigkeitstage

In den USA meldeten sich 60 mal mehr Rückenkranke arbeitsunfähig als in Japan

Anscheinend gibt es auch kulturelle Unterschiede beim Umgang mit Rückenleiden. In den USA und in Japan stellten Mediziner zwischen 1995 und 1998 bei ungefähr gleich vielen Menschen Rückenprobleme fest. Vergleicht man aber die arbeitsfreien Tage, die aufgrund von Rückenproblemen in Anspruch genommen wurden, entdeckt man einen Unterschied. In Japan meldete sich von 10 000 Arbeitnehmern gerade mal ein Rückenpatient pro Jahr arbeitsunfähig. In den USA waren es 60 mal mehr Arbeitnehmer, die diesen finanziellen Ausgleich in Anspruch nahmen. Sind Rückenpatienten in den USA Hypochonder? Und auch hierzulande? Ob die soziale Belohnung das Problem verschlimmert oder verbessert, hängt vermutlich in vielen Fällen auch mit der Einstellung des Patienten zusammen. Mittlerweile belegen zahlreiche Studien, dass der Anstieg der Rückenschmerzen mehr auf den medizinischen Umgang mit der Krankheit durch Ärzte und Patienten zurückzuführen ist als auf das eigentliche Leiden. Sicher ist unsere Gesellschaft auch bequemer geworden, wenig Bewegung und eine rückenfeindliche Lebensweise lässt sich in den Industrieländern zunehmend feststellen. Man erkennt aber heute auch immer deutlicher den Zusammenhang zur Psyche: Der Rückenschmerz ist in 40-50 % der Fälle nicht auf einen eindeutig feststellbaren rein körperlichen Befund zurückzuführen. Und Stress und Depressionen stehen als Auslöser für Rückenschmerzen hoch im Kurs...

: Ilka aus der Mark


Stand: 25.11.2006, 13:53 Uhr



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